Ein Auftrag, sieben Behörden. Warum der bosnische Serbenführer und Massenmörder Radovan Karadžić noch immer nicht gefasst ist
Quelle: www.zeit.de/2003/37/Bosnien
Sarajevo
Im vergangenen Sommer soll Dragan Mikerević, der Ministerpräsident von Srpska, einer serbischen Teilrepublik Bosnien-Herzegowinas, hier oben Radovan Karadžić getroffen haben. Wenn es stimmt, war es eine unverfrorene Frechheit. Karadžić, einer der meistgesuchten Männer der Welt, ist seit Kriegsende auf der Flucht. Fünf Millionen Dollar Kopfgeld stehen auf ihn aus. Die Anklage des Internationalen Tribunals für die Verfolgung von Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien bezichtigt ihn des Massakers von 7000 Muslimen in Srebrenica, Tausender weiterer Morde an bosnischen Muslimen und Kroaten, des Beschusses von Sarajevo und des Missbrauchs von 284 UN-Soldaten als menschliche Schilde.
„Wir brauchen keine Panzerwagen, wir brauchen Spezialeinheiten“
Seit Mai 2002 überwacht Lord Ashdown als Hoher Vertreter der UN und Europas die Entwicklung der Föderation von Bosnien-Herzegowina zu einem EU-tauglichen Staat. Der ehemalige Führer der britischen Liberaldemokraten findet kaum genug Worte für die Notwendigkeit, Karadžić dingfest zu machen. Die Anwesenheit des bosnischen Serben-Führers, sagt Ashdown, lege sich wie ein Fluch über das Land, auch wenn er sich bei Ziegenhirten im Bergmassiv des Zelengora verstecke oder in orthodoxen Klöstern Unterschlupf finde. Karadžić vergifte das „politische Quellwasser“. Solange er sich auf freiem Fuße befinde, gebe es keine Aussöhnung.
Drei Bedingungen müssen – so plädiert Ashdown – vor einem dauerhaften Frieden erfüllt werden. Die Rückkehr der Flüchtlinge (eine Million Menschen sind wieder in ihre alten Wohnungen eingezogen; im Januar überantwortete er die weitere Reintegration den bosnischen Behörden); der Wiederaufbau der Brücke von Mostar (letzten Freitag wurde der Schlussstein eingesetzt) – und die Verhaftung Karadžićs.
Vier internationale Organisationen sind an der Jagd auf ihn, auf seinen Kriegsgeneral Ratko Mladić und 15 weitere, in einem griff- und wetterfesten Fahndungsbüchlein aufgeführte Männer beteiligt: Ashdowns Amt (OHR), das Haager Jugoslawien-Tribunal (ITCY), 12000 unter amerikanischem Kommando operierende Soldaten (SFor) und eine europäische Polizeimission (EUPM). Der Polizeimission unterliegt die Kontrolle ihrer bosnischen Kollegen. Die haben noch nicht einmal ernsthaft begonnen, die knapp 1000 untergeordneten Vergewaltiger und Folterer zu verhaften, die von nationalen Gerichten abgeurteilt werden sollen.
Dazu kommen die Geheimdienste Bosnien-Herzegowinas und der serbischen Teilrepublik. Doch Karadžić kann sich in Sicherheit wiegen. Von einer konstruktiven Zusammenarbeit der Jäger kann keine Rede sein. Ein Amt weiß oft nicht, was das andere tut. Jede der vielen Behörden zieht an einem anderen Strang. Eine schiebt der anderen den Schwarzen Peter zu.
Munir Alibabić, der behauptete, Karadžić habe sich auf dem Ozren mit dem Ministerpräsidenten der Republika Srpska getroffen, war immerhin Geheimdienstchef Bosnien-Herzegowinas. Im Oktober 2002 wurde er von Ashdown gefeuert. Ashdown, der seine Machtfülle so ausgiebig nutzt, dass die Berliner European Stability Initiative (ESI) ihn kürzlich einen wiederauferstandenen Kolonialverwalter schalt, sagt, Alibabić habe die Kardinalsünde begangen, geheimdienstliche Informationen für politische Zwecke auszuschlachten.
Carla del Ponte, die Chefanklägerin des Haager Jugoslawien-Tribunals (ICTY), protestierte. Sie hatte eng mit Alibabić zusammengearbeitet. Ashdown wusste das nicht. Vor dem Rausschmiss gab es keinerlei Diskussionen zwischen seinem Amt und dem ICTY, obwohl seine Entscheidung eine zentrale Figur bei der Verfolgung Karadžićs betraf.
Im März 2003 verkündete der hemdsärmelige Lord, der glaubt, die überstürzte Einführung der Demokratie nach dem Krieg habe Karadžić den Freiraum zum Aufbau eines weit verzweigten Netzwerks gegeben, er wolle den Sumpf, aus dem der „giftige Baum“ gewachsen sei, trockenlegen. Jetzt solle es Karadžić und seinen Anhängern systematisch an den Kragen gehen. Ashdown ließ zwei Firmen, die den Gründervater des bosnisch-serbischen Nationalismus finanziell über Wasser halten – Manco Oil und die Bank Privredna Banka Srpsko Sarajevo – durchsuchen, Akten beschlagnahmen und Konten einfrieren. Er enthob den Vorsitzenden des Lokalparlaments der Karadžić-Hochburg Pale seiner Funktion. Er erwirkte Reiseverbote für Karadžićs Gefolgsleute in andere europäische Länder und in die USA. „Für die“, erklärte er, „wird das Leben jetzt hart. Ich kann Ihnen versichern, dass einige bereits kooperationswilliger geworden sind.“
Wenn dem so ist, hat sich das im örtlichen UN-Gebäude – dreiflügelig, neunstöckig, gelb und sehr neu – noch nicht herumgesprochen. Hier sind das ICTY-Büro und die europäische Polizeimission untergebracht. Hier bekommt man zu hören, die März-Aktion sei nur zur Schau veranstaltet worden. „Was kümmert Karadžićs Leute ein Reiseverbot? Sie agieren hier, nicht in Brüssel oder New York.“ Nur eine gezielte militärische Operation könne zum Erfolg führen. Aber „nicht mit Panzerwagen und Jeeps, die ihr Eintreffen drei Stunden vorher ankündigen, sondern durch Spezialeinheiten, die wochen- oder monatelang im Untergrund operieren“.
Doch die britische Sondertruppe SAS, die in vergangenen Jahren in ihrem Sektor sämtliche vom ICTY gesuchte Personen schnappte, ist nicht mehr vor Ort. Tony Blair entschied offenbar trotz Bitten aus Sarajevo, die SAS werde dringender im Irak und in Afghanistan benötigt. Die USA haben sogar nur noch Reservisten im Land. Die Regierung in Washington verliert zusehends ihr Interesse an Bosnien. „Für sie“, sagt ein ICTY-Mitarbeiter, „ist Karadžić ein Ärgernis, aber kein Feind, den es zu bekämpfen gilt.“
Nach Kriegsende 1995 waren 60000 ausländische Soldaten in Bosnien stationiert. Vor einem Jahr war die Zahl auf 18000 geschrumpft. Bald steht die Militärübung „Over the Horizon“ an, deren Ziel es ist, weitere Reduzierungsmöglichkeiten für die gegenwärtig 12000 Mann starke Truppe ausfindig zu machen.
Dale MacKeachern, Sprecher des Kommandeurs der SFor, überspielt das Versagen bei der Suche nach Karadžić mit grotesken Argumenten. Zwei Männer, die sich in Serbien den Behörden auslieferten, verbucht er auf das SFor-Konto. Selbst glatte Fehlschläge möbelt er zu Erfolgen auf. Etwa eine groß angelegte Hausdurchsuchung vorletzte Woche in einem Vorort Sarajevos. Mladićs Mutter war gestorben. Aber der Sohn war nicht, wie erhofft, am Totenbett. Die Soldaten zogen unverrichteter Dinge ab. Die Aktion sei dennoch ein Erfolg gewesen, so MacKeachern, „weil sie unsere ungebrochene Entschlossenheit demonstrierte und Druck auf die Angeklagten und ihre Netzwerke ausübte“.
Er gesteht aber auch ein, dass die SFor die Festnahme der vom Tribunal gesuchten Verdächtigen nicht als eine ihrer vorrangigen Pflichten verstehe, sondern als Nebenaufgabe, die nur dann erledigt werde, wenn sich eine Gelegenheit dazu ergebe. Es gibt so viel anderes zu tun. An einem Nachmittag kreist ein Hubschrauber eine Stunde lang über Sarajevo – um ein Filmfestival aus der Luft zu filmen.
In einem Punkt stimmen die internationalen Organisationen überein. Die eigentliche Verantwortung für Karadžićs Verhaftung liegt nicht bei ihnen, sondern bei den Lokalverwaltungen der Republika Srpska. „Dazu haben die Serben sich im Friedensvertrag von Dayton verpflichtet“, heißt es beim ICTY. „Aus dieser Verantwortung dürfen wir sie nicht entlassen“, sagt Ashdown.
Doch diese Jäger sind Diener des Gejagten, Mitglieder der von ihm gegründeten Partei und Beamte des von ihm gegründeten Staates. Foča ist eine eigentlich hübsche, aber ziemlich verwahrloste Kleinstadt im Südosten des Landes. Zwölf vom ICTY gesuchte Männer stammen aus ihrem Umkreis. Ein Raum des Stadtmuseums ist einer Dokumentation angeblicher muslimischer Gräueltaten gegen Serben gewidmet, der zweite Raum dem Andenken an 400 gefallene „serbische Helden und Verteidiger der Republika Srpska“. Draußen kurven ein gepanzerter Spähwagen und zwei Jeeps des deutschen SFor-Kontingents durch die Straßen.
Der Polizeichef des Bezirks sitzt in hellem, kurzärmeligem Hemd in einem realsozialistisch eingerichteten und mit nationalistischen Emblemen geschmückten Büro. Ein in seiner verblüffenden Offenheit nicht uncharmanter Mann. Er gesteht ein, dass das Gesetz ihn verpflichte, vom ICTY gesuchte Leute zu verhaften. Er gesteht auch ein, dass seine Behörde das noch kein einziges Mal getan habe. Gesetzt den Fall, seine Beamten hielten bei einer Verkehrskontrolle ein Auto an, in dem Karad≈iƒ sitze, sagt er, befänden sie sich in einem „Dilemma“. Denn nach ihrer Überzeugung sei der Serbenführer unschuldig. Würden sie dem Gesetz oder ihrem Gewissen folgen? Was für eine Frage! Schließlich folge das ITCY nur einer „politischen Agenda“.
Wem gehorchen die Häscher – dem Gesetz oder dem Gewissen?
Fünfundzwanzig Kilometer südlich des Städtchens steht an der Stelle, an der 1945 Titos von der Wehrmacht umzingelten Truppen aus dem Zelengora-Gebirge ausbrachen, ein riesiges Denkmal; 3300 Partisanen kamen damals ums Leben. Irgendwo dort oben soll sich Karad≈iƒ jetzt verstecken. Immer wieder, heißt es, setze er sich auch über die nahe Grenze nach Montenegro ab. Dort wurde er 1945 in dem winzigen Bergdorf Crna Gora geboren, dem Mythos zufolge in einem Stall.
Das montenegrinische Bergland, hatte ein leitender Mitarbeiter der Ashdown-Behörde erzählt, sei schrecklich, bevölkert von der schlimmsten Sorte serbischer Nationalisten und Schlägertypen. Das gelte auch für die dortige Polizei. Er entwarf als einzig realistische Möglichkeit für eine Verhaftung Karadžićs ein Szenario, dessen Verwirklichung er für so gut wie ausgeschlossen hält. Grenzüberschreitend operierende Spezialeinheiten, geheimdienstliche Kooperation vonseiten Montenegros und die Handhabung aller Aktionen durch die Truppen einer Nation. Multinationale Einheiten seien schwerfällig und litten unter mangelnder Geheimhaltung. „Wenn die Soldaten eintreffen, ist der Gesuchte – welch eine Überraschung! – über alle Berge.“
Auf der bosnischen Seite der Grenze windet sich ein 66 Kilometer langes Schottersträßchen über entlegene Pässe und durch winzige Dörfer entlang des Zelengora-Massivs. In einem dieser Dörfer kam Mladić auf die Welt. Jedes fremde Auto wird argwöhnisch beäugt. Fragen finden einsilbige Antworten. Neulich, sagt jemand, sei ein Hubschrauber kurz gelandet und gleich wieder davongeflogen. Heute ist von den wackeren SFor-Soldaten in der Bergfeste des serbischen Nationalismus keine Spur zu entdecken.