Der Serbe Ratko Mladic gehört zu den am intensivsten gesuchten Kriegsverbrechern Ex-Jugoslawiens. Immer wieder konnte er seinen Verfolgern entwischen.
Quelle: www.zeit.de/2006/09/Mladic
Seit Wochen beherrscht der Fall die serbischen Medien. Wo ist Ratko Mladic? Wer sind seine Fluchthelfer? Wann wird er gefasst? Am Dienstagabend schien dies nur noch eine Frage von Tagen oder gar Stunden zu sein. Doch auch am Mittwoch war Mladic noch immer auf freienm Fuß. Sollte Serbiens »most wanted«, verantwortlich für das Massaker an fast 8000 Muslimen im bosnischen Srebrenica und Tausende von toten Zivilisten in Sarajevo, demnächst tatsächlich in Den Haag auf der Anklagebank Platz nehmen, dann fehlte der Chefanklägerin Carla Del Ponte auf der Liste der Hauptangeklagten noch der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic.
Für die Weltöffentlichkeit aber war Ratko Mladic das Tätergesicht dieses Krieges. Sein Auftritt mit dem verängstigten Kommandeur der niederländischen UN-Truppen in Srebrenica, Tom Karremans, hat sich während des Krieges in das öffentliche Gedächtnis eingebrannt, dokumentiert es doch wie kaum ein anderes Bild die Skrupellosigkeit des serbischen Generals und das kapitale Versagen der internationalen Staatengemeinschaft. Den Niederländer, dessen Blauhelme diese internationale »Schutzzone« hatten bewachen sollen, zwang er vor laufender Kamera, mit ihm einen Schnaps zu trinken, bevor seine Soldaten mit der Exekution von Tausenden muslimischer Jungen und Männer begannen.
In Serbien verkörperte Mladic, einst überzeugter Kommunist und erfolgreicher Offizier in Titos Armee, auch nach Kriegsende den Helden, der in Bosnien die Ehre des serbischen Volkes gerettet hatte. Den »zweiten Lazar« nannte man ihn in Anlehnung an den Fürsten, der 1389 die Serben in die Schlacht gegen die Türken auf dem Amselfeld führte – und geschlagen wurde. Dass ein gutes halbes Jahrhundert später auch der Bosnienkrieg mit einer militärischen Niederlage und dem Verlust von Territorium endete, schmälerte den Mythos des Generals keineswegs. Es bestätigte vielmehr die Identität so vieler Serben als »Märtyrervolk« – und nichts hält einen gekränkten Nationalismus so nachhaltig am Leben wie der Glaube, Opfer der Geschichte zu sein.
Bloß kann auch ein Held irgendwann zur Last werden. Vor allem dann, wenn er der ersehnten Annäherung an die Geldtöpfe der EU und damit dem ökonomischen Aufschwung im Wege steht.
Jahrelang konnte sich Mladic im Schutz seiner Bodyguards unbehelligt in Serbien bewegen, Fußballspiele besuchen und in der Hauptstadt seinen Rosengarten pflegen. Doch nach der Auslieferung seines Schutzherrn Slobodan Milosevic an das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag wurde die Luft für Mladic dünner. Er musste Haus, Garten und Bodyguards aufgeben, abtauchen und sich fortan auf ein ausgeklügeltes und loyales Netz von Fluchthelfern verlassen – darunter auch mehrere ehemalige Mitglieder des militärischen Geheimdienstes.
Während Radovan Karadzic sich bis heute auf eigene Rechnung verstecken muss, stand Ratko Mladic immer auf der Gehaltsliste der Armee. Das größte Problem bei den Bemühungen, seiner habhaft zu werden, waren weniger unwillige und unfähige Politiker als die fehlende Kontrolle über die Sicherheitsdienste. Es gibt derer sechs. Sie können Pässe beschlagnahmen, Fluchtwege zeichnen, Menschen in ihren »Strukturen« verstecken. Kontrollausschüsse des Parlaments haben keine Macht über die Sicherheitsdienste – ebenso wenig die Gerichte.
Doch spätestens im Sommer vergangenen Jahres war Mladic des Flüchtlingsdaseins offenbar überdrüssig geworden. Von mehreren Seiten wuchs der Druck. In gewohnt brüsker Art stattete Den Haags Chefanklägerin Carla Del Ponte der Regierung in Belgrad mehrere Besuche ab. Vertreter der EU wiesen mit zunehmender Schärfe darauf hin, dass ohne die Auslieferung der großen Kriegsverbrecher keine Annäherung Serbiens an Brüssel stattfinden werde. Das hatte Folgen. Im Februar vergangenen Jahres stellte sich Mladics ehemaliger Vertrauter Milan Gvero, auch er wegen der Verbrechen in Srebrenica angeklagt. Im April folgte Sreten Lukic ehemals serbischer Polizeichef im Kosovo. Das alles dürfte Mladic herzlich egal gewesen sein. Doch dann strahlte das serbische Fernsehen ein Video aus, das Angehörige der »Skorpione«, einer von Mladic aufgebauten Einheit, bei der Exekution bosnischer Muslime in Srebrenica zeigt. Hinter dem Mythos des serbischen Helden tauchte nun endlich die Fratze des Massenmörders auf – und Serbiens Politiker nutzten die Gelegenheit, den General weiter ins Abseits zu stellen. Premierminister Kostunica bezeichnete die Aufnahmen als »schockierend und abscheulich«. Präsident Boris Tadic reiste anlässlich des 10. Jahrestags des Massakers zur Gedenkfeier nach Srebrenica, um den »unschuldigen Opfern dieses Verbrechens Tribut zu zollen«.
Mladic begann, seinen Abgang zu planen. Er verhandele, so spekulierte die Presse schon vor Monaten, mit der serbischen Regierung, fordere fünf Millionen Dollar für seine Leibgarde und seine Familie. Dafür würde er seinen »Opfergang« nach Den Haag antreten.
Dort steht man inzwischen unter enormem Zeitdruck. Der schleppende Prozess gegen Slobodan Milosevic – streckenweise mehr Farce als Strafverfahren – stößt vor allem bei der Bush-Regierung in Washington auf harsche Kritik. Damit nicht genug: Das Gericht hat eine Frist einzuhalten – bis 2008 müssen laut Beschluss des Sicherheitsrats alle erstinstanzlichen Urteile gefällt sein. Spätestens im Sommer dieses Jahres will Del Ponte den Prozess gegen jene Angeklagten eröffnen, denen Mitverantwortung am Massenmord in Srebrenica zur Last gelegt wird. Dort würde Mladic wohl die Höchststrafe drohen – lebenslänglich.
Es kann sein, dass jemand anderes die größte Strafe längst über ihn verhängt hat: Als er sich in Belgrad noch frei bewegen konnte, besuchte Mladic auf dem Friedhof immer wieder das Grab seiner Tochter Ana. Die hatte sich im März 1994, noch vor dem Massaker von Srebrenica, im Alter von 23 Jahren mit der Armeepistole ihres Vaters erschossen – wie es heißt, aus Entsetzen über die Gräueltaten ihres Vaters.
Mitarbeit: Christian Schmidt-Häuer