Unter Wölfen
März 16, 2006 von bosnawi
Miljenko Jergović meisterhafte Novelle über bosnische Emigranten in Amerika
Quelle: www.zeit.de/2006/12/L-Jergovic-TAB
So vieles ist an diesem Buch zu rühmen, dass man kaum zu den Einwänden kommen will, die begründet zu erheben wären. Der 1966 in Sarajevo geborene, im bosnischen Krieg nach Zagreb übersiedelte Miljenko Jergovic ist ein großartiger Erzähler, der die Magie einer besonderen Stunde, eines Ortes heraufzubeschwören und Figuren zu schaffen weiß, die uns vertraut werden, auch wenn sie uns nicht aufhören zu befremden. Buick Riviera eilt ein fabelhafter Ruf voraus: In viele Sprachen übersetzt, wurde die Novelle, als die sie das kroatische Original 2002 untertitelte, in Frankreich wie in Italien und Skandinavien von der Kritik als großer »europäischer Roman« gepriesen. Ob Roman, wie jetzt auch die deutsche, von Brigitte Döbert ausgezeichnet übersetzte Ausgabe heißt, oder Novelle: Sein Meisterstück hat Jergoviƒ mit der souverän erzählten Geschichte zweier bosnischer Emigranten, deren Wege sich in den USA kreuzen, jedenfalls vorgelegt.
Amerika ist zu klein für beide: für Hasan Hujdur, den melancholischen Intellektuellen, der noch vor dem Krieg ausgewandert ist, weil er »den Hass nicht erleben wollte«, und Vuko Salipur, der im Krieg seinen Hass endlich ausleben durfte und sich dann aus niedergebrannten Dörfern davonmachte, um nicht eines Tages als Kriegsverbrecher in Den Haag zu enden. Sie begegnen einander in einer Winternacht auf einer einsamen Landstraße in Oregon, und schon am nächsten Tag ist für einen von ihnen kein Platz mehr im großen Amerika. Hasan landet mit seinem geliebten Auto, dem Buick Riviera, im Straßengraben, und aus dem ersten Wagen, der hält, steigt Vuko aus. Eine kurze Begrüßung, und beide wissen, dass sie von drüben, aus Bosnien, sind: »Und so wallte mitten im verschneiten Oregon zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes ein Gefühl auf, das seit Jahrhunderten durch die bosnischen Wälder weht und der Daseinsgrund jenes Landes ist.« Was ist das für ein Gefühl? »Einer würde für den anderen eher in den Tod gehen als leibliche Brüder in der übrigen Welt, einer würde den anderen aber auch schneller umbringen, und die Gründe dafür wären zahlreich… Einer würde dem anderen ein Glas Blut von der Halsschlagader abzapfen, wie man in einer gemäßigteren Gesellschaft nicht einmal ein Glas Wasser zapfen würde.«
Hasan ist schon vor 22 Jahren in die Staaten gekommen, als junger Regisseur, aber den Traum von Hollywood hat er längst ausgeträumt. Er lebt kinder- und illusionslos mit seiner Frau Angela, einer aus Deutschland stammenden, nicht sonderlich erfolgreichen Schauspielerin, in der Kleinstadt Toledo und betrachtet das Leben mit gleichmütiger Resignation. Einzig an seinem alten Wagen, der für alle Welt und insbesondere für Angela nichts als ein »Schrotthaufen« ist, der ökologisch unverantwortliche zwanzig Liter Benzin auf hundert Meilen schluckt, hängt er mit Leidenschaft, stundenlang bastelt er an ihm herum, »dieses Auto ist mein Golfplatz, mein Baseball und mein Psychiater«. Und dieser schwerfällige Straßenkreuzer liegt jetzt im Graben, als der andere heimatlose Bosnier aus der Gegenrichtung vorbeikommt.
Vuko hat eben seine Frau verlassen, in ihrem Mercedes und mit 15000 Dollar in der Tasche, seine Frau, die reiche Lisa, die sich jahrelang alles, was er ihr antat, mit der »kulturellen Differenz« erklärte, die es zu respektieren gelte. »Sie glaubte, alle Bosnier seien so« und versuchte nur behutsam, auf ihren Mann einzuwirken; aber eines Tages, genervt von den Hundebabys, die Lisa in ihrem Haus aufnimmt, bricht er einem von ihnen das Genick, mit einem einzigen Griff. Lisa, verständnisvoll selbst in ihrer Abscheu, ahnungslos noch in ihrem Verständnis, redet Vuko darauf ins Gewissen, dass es nur ein kleiner Schritt wäre, der vom Töten eines Tieres zu dem eines Menschen führe. Das ist dem Kriegsverbrecher, der in den USA erfolgreich das Kriegsopfer spielt, zu viel der Moral, angewidert lässt er die Frau sitzen, die ihm, dem vermeintlichen Flüchtling, zur Staatsbürgerschaft und zu einer neuen Existenz verholfen hat.
Diese beiden Männer führt der Zufall oder das Schicksal zusammen, und was geschieht, kaum dass sie aufeinander treffen, ist von unentrinnbarer Zwangsläufigkeit. Sie sind im selben Land aufgewachsen, haben in den USA gutmütige, wohlmeinende Frauen geheiratet, von denen sie nicht verstanden werden. Hasan liebt Angela, und sie liebt ihn, aber nicht so, wie er ist, sondern wie sie ihn sich denkt. Vuko verachtet Lisa, die ihn liebt, aber keine Ahnung hat, wer er ist. Hasan ist auf dem Weg, seine Frau von der nächtlichen Theaterprobe abzuholen, als ihm das Missgeschick mit dem Buick widerfährt; Vuko ist wieder einmal dabei, sich davonzustehlen und irgendwo eine andere naive Frau zu finden, die er traktieren kann und die für ihn sorgt.
Der antriebsschwache Hasan und der gewalttätige Vuko, sie verbeißen sich ineinander. Es ist der »Wolfsblick«, mit dem Vuko den anderen ins Auge fasst, und Hasan wiederum erkennt in ihm bald den »Satan«, der sein Leben ruinieren wird. Fürs Erste ist es aber unvermeidlich, dass er Vuko, der ihm nach dem Unfall als Einziger Hilfe leistete, seiner Frau und seinen zwei Freunden, dem Wirt und dem einsamen Stammgast der dubiosen Kneipe Alhambra, vorstellt. Was für ein schmerzliches, irritierendes Erlebnis für ihn! Alle sind sie hingerissen von Vuko, der ihnen so recht den charmanten, wilden Kerl vom Balkan zu verkörpern scheint.
Jergović erzählt die sich überstürzenden Ereignisse einer Nacht und eines Tages und holt in längeren Rückblenden die Lebensgeschichten seiner beiden Protagonisten ein. Hasan stammt aus einer friedfertigen muslimischen Familie, von der wir nachgerade idyllische Geschichten und auch ein paar aberwitzig komische Anekdoten zu hören bekommen. Der Serbe Vuko hingegen ist von klein auf zum Misstrauen erzogen worden: Was immer die anderen tun, sie können es nur mit bösen Hintergedanken getan haben.
Im Krieg wütet er mit reinem Gewissen, denn alle, die er demütigt und schindet, führten ja Böses gegen ihn im Schilde, wollten ihn mit ihrer Freundlichkeit täuschen, in die Falle locken. Grandios, wie Jergović unmerklich zum inneren Monolog wechselt und den Folterknecht als unreifes, ängstliches Kind über die Gefahren des Lebens sinnieren lässt, sodass wir die Welt auf einmal aus der Sicht eines verworrenen und skrupellosen, tölpelhaften und berechnenden Kriegsverbrechers wahrzunehmen beginnen. Am Ende wechselt der alte Buick den Besitzer, eine Ehe zerbricht, und ein Mann, der vor dem Hass über das Meer floh, muss neuerlich flüchten, wird der amerikanischen Öffentlichkeit aber bald als Phantom eines Fundamentalisten vorgeführt werden.
Stupend ist die Fähigkeit von Jergović, Spannung mit Räsonnement zu verbinden und aus einer minimalistischen Szenerie zu breiter epischer Gestaltung zu finden. Als Versuch über den Hass setzt Buick Riviera unverkennbar die berühmte Erzählung Brief aus dem Jahre 1920 von Ivo Andrić fort. Dort verlässt ein bosnischer Arzt seine Heimat, um dem Hass zu entrinnen, erleidet aber später beim Versuch, die Freiheit in Europa zu retten, im Spanischen Bürgerkrieg einen gewaltsamen Tod; bei Jergović verschwindet der Mann, der sich der Gewalt entschlagen möchte, zuerst aus Europa selbst, dann auch aus Amerika, doch das Gerücht, das sein Landsmann über ihn in die Welt setzt, sieht ihn in Afghanistan aufseiten der Taliban gegen den Westen kämpfen: Die Konstellation der Figuren und ihrer Konflikte ist vielfach gebrochen und von düsterer Ironie.
Hasan, der noch im fernen Amerika zu Vukos Opfer wird, ist ein muslimischer Bosnier; als abgrundtief böse Gestalt hat Jergović hingegen einen serbischen Bosnier gewählt. Ist es zuträglich, vertretbar, sinnvoll, die Gewichte so eindeutig zu verteilen? In einem Interview hat sich Jergoviƒ vehement gegen den Zwang zur politischen Korrektheit ausgesprochen, die ihn, »nach all den Kübeln Scheiße, die über die Serben ausgeschüttet wurden«, nötigen würde, eine so ausschließlich negativ konzipierte Figur jedenfalls nicht mit einem Serben zu besetzen. Wie an vielen Romanen aus dem zerfallenen Jugoslawien fällt auch an dem erzählerisch meisterhaften Werk von Jergoviƒ auf, dass die Figuren geradezu selbstverständlich ethnisch charakterisiert werden; dass einer Muslim oder Serbe ist, fungiert für sich schon als konstitutives Merkmal seiner Persönlichkeit, als wäre er, noch bevor er individuelle Eigenheiten erhielte, schon durch seine Nationalität bestimmt. Freilich, Jergoviƒ gelingt die ohne jede Aufhellung schwarz und nichts als schwarz gezeichnete Gestalt des »Satans« noch besser, eindringlicher als die des sympathischen Hasan, sodass wir in Vuko endlich nicht den Serben identifizieren, sondern eine Gestalt von universeller Gültigkeit erkennen.
Gegenüber den beiden Männern bleiben die Frauen merklich blass; aber Buick Riviera ist ohnedies ein Männerroman. Nicht nur, dass häufig die Männerfreundschaft, diese »närrische, freundschaftliche Männerliebe ohne jeden Hintergedanken« beschworen wird; da spricht der Erzähler gar von einem Reflex, »den jedes männliche Wesen kennt, sei es ein Wolf, ein Bär oder ein Mensch, weil es bewusst oder unbewusst das Leittier im Rudel sein will«. Männer sind männlichen Tieren eben näher als Frauen. Mag sein, das ist vor dem Hintergrund geschrieben, dass zwei Männer um Leben und Tod kämpfen, die in ihren zwar verschiedenen, aber eben doch gleichermaßen patriarchalischen Traditionen wurzeln. Aber warum, um aller Wölfe willen, muss die Deutsche Angela ihren Hasan, als er sie allzu lange in der Kälte warten ließ, mit den Worten empfangen: »Meine Eierstöcke sind wie zwei zugefrorene Billardkugeln«? Nach allem, was wir von ihr erfahren, ist sie nicht in einer literarischen Balkankneipe, sondern einem bayerischen Mädchenpensionat aufgewachsen. Nun gut, das sind Einwände, auf die man gar nicht gerne zu sprechen kommt, weil es in diesem Roman (der, übrigens, doch eine Novelle ist) so vieles gibt, das gerühmt zu werden verdient.
Miljenko Jergović: Buick Riviera
Roman; aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert; Schöffling, 2006; 249 S., 19,90 €