Als niederländischer Soldat sollte Ebel Dijkman 1995 die Muslime von Srebrenica beschützen. Stattdessen wurde er Augenzeuge eines Völkermordes. Zwölf Jahre später verfolgen ihn immer noch Schuldgefühle und die Bilder der Toten

Hat das Grauen gesehen: Bosnische Frau aus Srebrenica
© Elvis Barukcic/AFP/Getty Images
Ebel Dijkman hat einen Taschenkalender mitgebracht, schwarz und an den Rändern abgestoßen. Er legt ihn auf den Tisch des Restaurants in seiner niederländischen Heimatstadt Assen. Das Buch enthält Notizen aus den wichtigsten Tagen seines Lebens. Fast alles, was Dijkman tut, kreist um diese Ereignisse. Sie sind sein Trauma, sein Kraftfeld. Er blättert, 6. Juli 1995: »3.18 Uhr erste Artillerie.«
»Was hätten wir tun sollen?«, sagt er. »Wir hatten nicht mal schwere Waffen.«
Dijkman ist Ende 50. Kurze graue Haare, Bart. Er trägt ein buntes Hemd, Anzughose. Er hat nichts Militärisches an sich, doch in seinem Innersten ist er immer noch Soldat, Major a. D. des 13. Infanteriebataillons der niederländischen Armee, einer berüchtigten Truppe. Berüchtigt für das, was sie nicht tat. 1995 zog sie in den Bosnienkrieg. Die UN hatten sechs Gebiete zu Schutzzonen erklärt, um von den Serben eingekesselte Muslime zu schützen. 600 Niederländer gingen für die UN nach Srebrenica, ohne jede Kampferfahrung. Sie würden nicht kämpfen müssen, dachten sie – dachte auch Dijkman. Sie würden die überlegenen Serben abschrecken. Doch diese überrannten die Stadt. Während die Blauhelme auf ihrem Stützpunkt ausharrten, brachten die Angreifer mehr als 7000 Zivilisten um. Im Frühjahr 2007 hat der Internationale Gerichtshof das Massaker von Srebrenica als Völkermord eingeordnet.
Srebrenica war das Ende der Idee, die UN könnten Frieden bewahren ohne den Einsatz von Waffen. Dijkman trägt dieses Versagen mit sich herum. Deshalb wirken seine Sätze wie Bruchstücke eines Monologs, der seit zwölf Jahren in ihm kreist. Seine Stimme klingt wie die eines Schauspielers, als wäre sie auf beruhigende Wirkung trainiert. In Bosnien war Dijkman Betreuungsoffizier, zuständig für die Sorgen und Nöte der anderen. Die meisten seiner Kameraden schweigen, er redet. Er hat aus der Erinnerung eine Lebensaufgabe gemacht. Für heute hat er in der Nähe von Assen ein Veteranentreffen organisiert, es ist das vierte. Normalerweise treffen sich Veteranen, um sich an Ruhmestaten zu erinnern. Die Soldaten von Srebrenica teilen ihre Last. Journalisten dürfen gewöhnlich nicht dabei sein – »nach dem, was sie über uns geschrieben haben«: Die eigenen Truppen hätten zugesehen bei einem Völkermord. Dijkman kann dem nicht viel entgegensetzen. Eigentlich nur seinen Taschenkalender.
Im vergangenen Dezember, bei einer Ordensverleihung der Regierung an die Soldaten von Srebrenica, wurden die alten Vorwürfe wieder laut. Bosnier demonstrierten vor der Kaserne der Truppe in Assen. Es ist, als melde sich ständig verdrängter Schmerz zurück – als wäre es weniger jenes Versagen, das die Niederländer ihren Soldaten nicht verzeihen, sondern das Gefühl von Schande, das immer wiederkehrt. Ein Untersuchungsausschuss der eigenen Regierung akzeptierte zwar im Jahr 2000 eine »Mitverantwortlichkeit« an den Morden, doch »keinesfalls eine Schuld«. Als Konsens gilt heute: Die Niederländer haben dem serbischen General Ratko Mladić leichtsinnig vertraut, als sie mit ihm nach dem Einmarsch in die UN-Schutzzone verhandelten. Er hatte versprochen, den Muslimen werde nichts geschehen.
In dem Restaurant hat Dijkman lange auf den Kalender gestarrt. Er kritzelt etwas. Die Struktur der gesamten niederländischen Armee in ein paar Strichen – als wäre sie nötig, um den Schrecken von Srebrenica zu verstehen. Die vielen Geschichten seiner Kameraden. All das Elend, die Erschießungen, deren Zeugen sie wurden. Alle Geschichten münden für Dijkman in einer größeren Geschichte – er nennt sie »die Wahrheit über Srebrenica«. Die Niederländer seien unschuldig. Sie seien von ihren Politikern und der UN in eine aussichtslose Mission geschickt worden. »Wir sind kein kriegerisches Volk«, sagt er. »Was wollten wir damals in Bosnien? Was wollen wir heute in Afghanistan? Unsere Politiker waren naiv. Sie sind es heute noch.«
Dijkman rafft die Unterlagen zusammen. Er muss los, steigt ins Auto. Assen ist eine reiche Stadt im Norden der Niederlande. Flaches, weites Land. 60000 Einwohner, ein Zentrum mit Geschäftsstraßen, Bürger mit Einkaufstaschen. Klinkerhäuser mit riesigen Fenstern. Sein ganzes Leben hat Dijkman hier verbracht, in einer friedlichen Wohlstandswelt. Zur Armee kam er 1968, mit 19 Jahren. Die Firma, bei der er Buchhalter gewesen war, ging pleite. Er wollte einen sicheren Job. Krieg, das war für ihn die Atombombe, die niemals fallen würde, unvorstellbar. Soldat zu sein behagte ihm dennoch wenig, »das viele Geschrei«. Er ließ sich zum Krankenpfleger ausbilden. Studierte an einer Fachhochschule Sozialarbeit, wurde Betreuungsoffizier. 1993 verbrachte er vier Wochen in Bosnien, als Urlaubsvertretung bei den UN. 1994 beschloss das Parlament, das 13. Infanteriebataillon aus Assen nach Srebrenica zu schicken, um kanadische UN-Truppen abzulösen. Keiner von ihnen hatte jemals gekämpft. Dijkman dachte: Na gut, Befehl ist Befehl.
Im Januar 1995 flog er mit seinem Bataillon nach Zagreb. Weiter ging es mit dem Bus, durch düsteres zerschossenes Land. Srebrenica liegt in einem Kessel und ist von Bergen umgeben, schwer zu verteidigen. In den Hügeln die Serben, unten die Muslime. Die Niederländer mittendrin. Die Serben hatten ihrer Stationierung zugestimmt, doch nach zwei Monaten blockierten sie die Nachschubwege. Es fehlten Dieselöl, Munition, frisches Essen. Um Kaffee zu kochen, mussten die Soldaten Holzfeuer machen. Ab und zu detonierten serbische Granaten auf dem UN-Gelände, einer ehemaligen Fabrik nördlich der Stadt. Heimaturlauber kehrten nicht zurück. Auch der Pfarrer blieb fort. Dijkman, der Betreuungsoffizier, musste nun auch noch predigen. Er las Psalmen aus der Bibel: »Wir sind ganz kleine Menschen.«
Dijkman ist außerhalb von Assen ein Stück durch Wald gefahren, er parkt vor einem Gebäude aus Holz. Dahinter Baracken. Kamp Westerbork, Durchgangslager für KZ-Häftlinge der Nazis. Hier, wo die Niederlande nicht umhinkönnen, sich mit der Geschichte ihrer Nazi-Kollaboration zu beschäftigen, haben die Srebrenica-Soldaten für diesen Tag Zuflucht gefunden. An einem Ort für Historiker, deren Arbeit gegen das Vergessen zielt. Dijkman ist eigentlich zu früh dran: Er und seine Soldaten wären schon froh, wenn sie mit der Erinnerung leben könnten.
Im Flur stehen ein paar Dutzend Männer, wenige Frauen. Sie sind jung, damals waren sie Anfang 20. Dijkman schüttelt Hände wie ein Gastgeber, der seinen Gästen die Befangenheit nehmen will. 200 Veteranen hat er angeschrieben. Auch den ehemaligen Kommandeur, Ton Karremans. Er ist auf einem berühmten Foto zu sehen: Neben dem Serbengeneral Mladić hält er ein Sektglas in der Hand. Im Nachhinein sah es aus wie ein Toast auf ein Kriegsverbrechen.
Karremans kommt nicht. Nur 40 Männer sind da, manche mit Familie. Dijkman ist einer von zwei Offizieren. Keiner trägt Uniform. Im Vortragssaal ist es eng, die Veteranen sitzen wie eingesperrt zwischen den Tischen. In der Mitte die Fernsehkamera eines niederländischen Privatsenders, Dijkman hat diesmal eine Ausnahme gemacht. Er geht mit zwei Männern auf die Bühne, die drei treten regelmäßig in Schulen auf. Die anderen erzählen von Angst und Scham. Aber auch von dem Wunder, sich verstanden zu fühlen. Dijkman sagt: »Gleich nach der Rückkehr 1995 sprach ich vor der Klasse meiner Tochter. Es war sehr schwer. Meine Familie hat große Angst um mich gehabt. Damals meinte unser Verteidigungsminister, die Akte Srebrenica müsse geschlossen werden. Das darf nicht geschehen. Wir müssen die Wahrheit sagen.« Was genau diese Wahrheit ist, erklärt Dijkman nicht. »Ich habe Srebrenica gut verarbeitet«, sagt er noch, als wäre das für alle eine Botschaft der Hoffnung. Er ist ein Coach, der seinen Klienten zu einem besseren Leben verhelfen möchte.
»Noch Fragen?«
»Warum ist die Kamera hier?«
Dijkman guckt irritiert. Auf einmal wirkt er ziemlich allein bei dem Versuch, seine Wahrheit zu verkünden. Er entschuldigt sich. In der Kaffeepause gehen die meisten nach draußen, um zu rauchen. Dijkman steckt sich ein Zigarillo an. Er hat Fotos dabei. Eines zeigt sein winziges Zimmer in Srebrenica, vorm Fensterrahmen eine Plastikplane.
Nichts davon steht in dem Taschenkalender. Nach dem 6. Juli, dem Beginn des serbischen Angriffs, sind die Seiten seines Kalenders vollgeschrieben. »Wir dachten, die Muslime verteidigen sich«, sagt Dijkman. »Sie wirkten gut gerüstet. Aber die meisten haben wohl versucht, durch die Wälder zu fliehen.« Am 9. Juli erschoss ein Muslim einen Niederländer, offenbar aus Wut darüber, dass die UN nicht kämpften. Er blieb ihr einziger Toter. Zwei Tage später überrannten die Serben die Schutzzone Srebrenica. UN-Kampfflugzeuge kamen zu spät. Mehr als 20000 Muslime flüchteten sich zu dem Fabrikgelände der Niederländer. Wenn diese den Stützpunkt verließen, legten sie die Waffen ab, der Kommandant hatte es angeordnet. Sie gaben den Flüchtlingen Wasser, versorgten Verletzte. Vor den Augen der Niederländer erschossen die Serben Muslime. Sie sagten, das seien Kriegsverbrecher. »Einige von uns wollten kämpfen«, sagt Dijkman. »Aber die Serben hätten uns auch abgeschlachtet.« Am 13. Juli begannen sie, die muslimischen Flüchtlinge in Bussen wegzuschaffen. In Dijkmans Kalender steht: »Schindlers Liste 1995«. Ein falscher Vergleich, Dijkman weiß das. Schließlich ging es in dem Film um die Rettung von Juden. Er wiederholt die Worte mehrmals. Wir waren nicht dumm, will er andeuten. Wir ahnten, was vor sich ging. »Aber wir wussten von nichts«, sagt Dijkman.
Die Veteranen stehen dicht gedrängt auf der Terrasse, wie eine Herde von Tieren, die sich gegenseitig wärmen. Einer sagt: »Ich sah, wie die Serben Menschen erschossen, aber ich konnte nichts machen.« Er ist Ende 30, mit grauen Schläfen und scharfen Falten in den Wangen. Heute ist er Dozent an einer Militärakademie. Er wirkt verhärtet, aus der Bahn geworfen. Dijkman sagt: »Wir haben den Flüchtlingen geholfen. Wir haben hundertprozentig das Richtige getan.«
Später sitzt er an einem Tisch mit zwei Veteranen. Der ältere provoziert ihn. »Wer ist nun schuld? Die Serben, die Muslime oder die Niederländer?« Dijkman legt sein Käsebrötchen weg, das er sorgfältig belegt und gefaltet hat. »Ich glaube, dass die Serben die Schuldigen sind. Die UN sind es auch, sie haben all das zugelassen. Aber die Niederlande sind nicht schuld.« Der andere steht auf und geht weg. Er sei nach der Rückkehr aus Bosnien »psychisch angeschlagen« gewesen, sagt Dijkman. Auch er selbst sei beinahe verzweifelt. All seine Gedanken drehten sich nur noch um Srebrenica. Monatelang ging er nicht zur Arbeit. Der jüngere Soldat hat die ganze Zeit geschwiegen, jetzt sagt er: »Alle tun hier so, als wären wir auch Opfer. Dabei haben wir nur getan, was wir tun mussten.«
Am Nachmittag spricht ein Veteran, der gerade in Srebrenica gewesen ist. Ein Bußgang. »Ich hatte unglaubliche Angst, die muslimischen Frauen könnten wütend auf mich sein. Aber sie wollten nur mit mir reden. Sie wünschen sich, dass der niederländische Staat sich entschuldigt. Das wäre gut. Aber bitte auch bei uns!« Ein Mitarbeiter von Kamp Westerbork will eine Reise für alle organisieren. Das Angebot macht die meisten stumm. Dijkman weiß nicht, ob er mitfahren soll. Einen Moment lang sieht er aus, als habe er Angst vor der Vergangenheit. »Ich würde gern meine Frau mitnehmen«, sagt er. »Sie hat mehr gelitten als ich.« Später löst sich die Veranstaltung fast unmerklich auf.
»Alles gut gegangen«, sagt Dijkman im Auto. Wegen der Sache mit dem Fernsehteam haben ihn ein paar Männer mit kalten Blicken gestraft. Viele haben an diesem Tag nur untereinander getuschelt. Das Erklären, Vermitteln überlassen sie Dijkman. Er war an diesem Nachmittag ruhig, fast still. Von Wahrheit sprach er nur ein einziges Mal. 1996 hielt er seinen ersten Vortrag über Srebrenica, er stellte auch philosophische Fragen. Warum sind Menschen zu solchen Taten fähig? Er fand keine Antwort.
Dijkman fährt an der Kaserne vorbei, in der er mehr als 25 Jahre lang Dienst getan hat. Sie sieht aus, als sei sie so groß wie die halbe Stadt. Die Kameraden rufen ihn immer noch an, trotz des Ruhestands. Dijkman, sagen sie dann, kannst du dich um diesen oder jenen kümmern? Da hat wieder einer Geldprobleme, ein anderer trinkt. Dijkman sagt immer Ja.
Seine Familie wohnt am Stadtrand in einer Doppelhaushälfte. Diese sieht aus wie alle andern in der Straße. Die Garagen, die Briefkästen, alles gleich. Als er aus Srebrenica zurückkehrte, hatten Frau und Tochter das Haus mit Luftballons geschmückt. Noch stand nichts in den Zeitungen über den Massenmord. Erst im Urlaub, auf der Nordseeinsel Texel, sagt Dijkmann, sei ihm plötzlich der Gedanke gekommen: Die sind alle tot.
Er läuft in den ersten Stock des Hauses und holt eine Uniform. Sie ist bunt, mit vielen Abzeichen und Litzen. Sein ganzes Soldatenleben steckt in Kisten, die er aus der Kaserne hat herschaffen lassen. Sie sind noch nicht ausgepackt, ein halbes Jahr nach seiner Pensionierung. Er hat sich vorgenommen, zu verreisen, Radtouren zu unternehmen, seiner Tochter ein Auto zu kaufen.
Das UN-Kriegsverbrechertribunal, das wie der Internationale Gerichtshof in Den Haag liegt, soll seine Arbeit 2010 abschließen. Vor Kurzem hat ein Anwalt aus Amsterdam angekündigt, die Niederlande und die UN im Namen der Opfer auf Schadensersatz zu verklagen. Was immer Ebel Dijkman tut, Srebrenica bleibt nah.
»Ich werde jetzt erst mal das Haus streichen«, sagt er.