Für allzu viel Euphorie über die Verhaftung von Radovan Karadžic gibt es keinen Grund – ein Kommentar der anderen von Vedran Dzihic
Noch immer ist der Ethnonationalismus am Balkan Bestandteil der Gesellschaft und der Weg nach Europa hindernisreich.
Die Geschwindigkeit, mit der sich gute und schlechte Nachrichten vom Balkan abwechseln, ist beeindruckend. Vor einigen Monaten brannten die westlichen Botschaften in Belgrad und US- und EU-Flaggen auf den Straßen der serbischen Hauptstadt, in Banja Luka, Mitrovica und vielen anderen serbischen Städten. Im Westen schrieben Kommentatoren und Analysten von der Rückkehr Serbiens in die Zeit von Miloševic. Wenige Monate später feiert man euphorisch die Verhaftung von Radovan Karadžic und spricht von „Meilensteinen“ auf dem europäischen Weg Serbiens, „europäischer Berufung Serbiens“ und „historischem Moment“.
Die Geschwindigkeit jener westlichen Politiker, Kommentatoren und Analytiker, die von einem Ereignis zum nächsten in ihren Analysen zwischen totalem Entsetzen über den nicht zur Ruhe kommenden Balkan einerseits und Euphorie über die europäische Zukunft dieser Region andererseits schwanken, ist besorgniserregend und hilft den Balkanstaaten nicht aus ihren Krisen und Problemen heraus.
Viel Konfliktstoff
Und die Liste der Probleme ist wahrlich lang. Serbien ist trotz der Bildung einer demokratischen Regierung ein Land, in dem die Teilung zwischen einem national-konservativen und einem demokratischen Lager nicht aufgehoben ist und weiterhin für viel Konfliktstoff führen wird. Die Kontinuität des Nationalismus ist nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Kosovo deutlich geworden. Die sozialen und wirtschaftlichen Probleme Serbiens wie auch der gesamten Region sind enorm. Kosovo ist ein de facto geteiltes Land, in dem Arbeitslosigkeit grassiert und die Jugendarbeitslosigkeit fast 90 Prozent beträgt. Mazedonien kämpft mit der Aufrechterhaltung seiner Stabilität. Und Bosnien-Herzegowina ist bereits seit Jahren das Paradebeispiel für eine kaum funktionierende Staatlichkeit, die Virulenz des Ethnonationalismus und soziale und wirtschaftliche Misere.
Aleksandar Vucic, der vor einigen Wochen fast zum neuen Belgrader Bürgermeister gewählt worden wäre, bezeichnete die Verhaftung als eine „grausige Nachricht“ für das serbische Volk. Damit sprach er vielen Menschen in Serbien und in der Republika Srpska aus der Seele. Radovan Karadžic und Ratko Mladic werden von vielen Serben weiterhin als Helden gefeiert. Und das ist leider auch eine der Realitäten der Region. Die Kriege haben am Balkan tiefe Spuren hinterlassen und zur Verankerung des Ethnonationalismus als zentraler Bestandteil der Gesellschaften am Balkan geführt.
In den Kommentaren zur Verhaftung von Karadžic, der in den letzten Jahren unter einem Pseudonym in der populären serbischen Zeitschrift Gesundes Leben Kolumnen schrieb, spricht man meisten über die Folgen für Serbien. Es ist auch ein enorm wichtiger Schritt für Serbien, und es bleibt zu hoffen, dass die serbische Regierung ihre pragmatisch-opportunistische Europa-Linie beibehalten wird können. Auf dem Weg Richtung Europa ist aber ein konstruktiver Umgang in der Kosovo-Frage genauso wichtig wie die Verhaftung der Kriegsverbrecher. In Bezug auf den Kosovo setzt aber auch die neue Regierung den alten unnachgiebigen Kosovo-Kurs fort.
Bosnien, der Ort der Verbrechen von Karadžic und des Herumwütens des aggressiven Nationalismus, wird in den Kommentaren und politischen Einschätzungen der Situation am Balkan in der Regel stark vernachlässigt. Bosnien ist aber derzeit jenes Land am Balkan, das weiterhin am stärksten unter den Folgen des Krieges leidet und sich seit Jahren in einer permanenten Krise befindet. Die Republika Srpska, für die Karadžic und Mladic in den Kriegsjahren gekämpft haben, ist durch das Dayton-Abkommen 1995 in ihrer Existenz bestätigt worden.
Premierminister und der starke Mann in der Republika Srpska, Milorad Dodik, hat in den letzten Monaten keine Gelegenheit ausgelassen, um zu betonen, dass ihm eine starke Republika Srpska und nicht Bosnien-Herzegowina wichtig ist. Er drohte mehrmals mit einem Referendum zum Austritt der Republika Srpska aus Bosnien und wird in einer solchen Haltung von der Mehrheit der serbischen Bevölkerung unterstützt. Man empfindet Bosnien nicht als Heimat, die Mehrzahl der Serben in Bosnien vertraut Bosniaken und Kroaten nicht. Bosniaken und Kroaten reagieren ihrerseits ebenfalls mit nationalistischer Rhetorik.
Die Ausschreitungen in bosnischen Städten rund um das EM-Fußballmatch zwischen Kroatien und der Türkei haben noch einmal bewiesen, dass das Land seit dem Ende des Krieges um keinen Zentimeter zusammengewachsen ist. Die Krise ist längst zum Bestandteil der bosnischen Wirklichkeit geworden. Alle Völker Bosniens fürchten sich von den jeweils anderen. Die Politik der Angst ist zum integralen Bestandteil der bosnischen Gesellschaft geworden, Bosnien zu einem Land voller „Angst-Landschaften“.
Prozess der Katharsis
Ich möchte die historische Dimension der Verhaftung von Karadžic keinesfalls schmälern. Es ist wichtig, dass sich Karadžic und all die anderen Kriegsverbrecher für ihre Taten vor internationalen und einheimischen Gerichten verantworten. Es ist wichtig, dass man die Völker des Balkans von der Kollektivschuld befreit. Es ist aber verhängnisvoll, zu glauben, dass mit der Verhaftung von Karadžic der Nationalismus verschwinden wird. Der schmerzhafte, aber notwendige Prozess der Katharsis als eine der Voraussetzungen für die Normalisierung und substanzielle Europäisierung der Gesellschaften am Balkan steht noch aus.
Die Menschen am Balkan und auch ihre politischen Vertreter müssen erkennen, dass der stumpfe Nationalismus keinen Ausweg aus den sozialen und wirtschaftlichen Dilemmata der Region darstellt. Auch die Europäisierungsrhetorik, die man anlässlich der Verhaftung von Radovan Karadžic jetzt allenthalben aus der Region vernimmt, wird nicht den Weg aus den Krisen weisen. Gefragt sind vielmehr eine offene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und viel Arbeit an der Verbesserung der Lebensbedingungen. Ratschläge über ein „gesundes Leben“ , noch dazu von jenen, die ein solches mit ihren Handlungen und Ideen verunmöglicht haben und verunmöglichen, taugen nicht auf dem Weg Richtung Europa. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2008)
Vedran Dzihic ist Politologe an der Universität Wien und Direktor von CEIS-Österreich; zuletzt erschien von ihm im Braumüller Verlag „Europa –verflucht begehrt“.