Bakir Izetbegovic, Vizepräsident der Partei SDA, im STANDARD-Interview: Die Republika Srpska bleibt bestehen
Quelle: derstandard.at
Für Bakir Izetbegovic, den Sohn des bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic, wird die Republika Srpska bestehen bleiben. Das sagte der Vizepräsident der Partei SDA zu Adelheid Wölfl.
STANDARD: Was bedeutet die Verhaftung des ehemaligen Präsidenten der Republika Srpska, Radovan Karadzic für Bosnien-Herzegowina, und was würde eine mögliche Verurteilung bedeuten?
Izetbegovic: Das ist eine sehr starke Botschaft, dass niemand der Gerechtigkeit entkommen kann – früher oder später muss jeder für seine Taten zahlen. So eine Botschaft ist von grundlegender Wichtigkeit für die Zukunft von Bosnien, dem Balkan und Europa.
STANDARD: Was erwarten Sie für Konsequenzen für die Republika Srpska? Sollte es eine Verfassungsänderung geben, oder sind Sie dafür, dass die Republika Srspska, die Karadzic ja mitbegründet hat, abgeschafft wird?
Izetbegovic: Ich fürchte, dass die Teilung Bosniens in Entitäten überleben wird, aber der Prozess wird uns alle daran erinnern, was in Bosnien zwischen 1992 und 1995 geschehen ist, und das wird einige radikale serbische Politiker davon abhalten ein Referendum abzuhalten und zu versuchen, Bosnien zu spalten, die Republika Srspska abzutrennen. Der Prozess wird die nächsten paar Jahre dauern, und die Öffentlichkeit wird mit all diesen schrecklichen Kriegsverbrechen konfrontiert sein, die begangen wurde, um die Bosniaken und Kroaten von der Hälfte des bosnischen Territoriums zu entfernen und die Republika Srpksa dort zu schaffen. Es wird uns helfen, die separatistischen Intentionen von manchen Serben zu unterbinden, und es wird uns eine Chance geben, noch einmal zu versuchen, den Annex VII es Dayton- Abkommens zu implementieren, dass das Recht für jeden Flüchtling garantiert, zu der Adresse zurückzukehren, an der er vor dem Krieg wohnte. In den vergangenen zwölf Jahren sind nur wenige Prozent der Bosniaken und Kroaten in die Republika Srpska zurückgekehrt.
STANDARD: Wird die Verhaftung mehr Gerechtigkeit für die Opfer bringen? Und wird es nun möglich sein, eine gemeinsame Geschichte aller Bosnier über den Krieg in den 1990er-Jahren zu schreiben?
Izetbegovic: Das „Hirn“ der ethnischen Säuberungen ist nun im Gefängnis, und wir sind näher dran an der Gerechtigkeit. Und das bedeutet viel für die Opfer, aber eine gemeinsame Geschichten wird nicht so bald geschrieben.
STANDARD: Warum?
Izetbegovic: Weil die Wahrheit über den Krieg in Bosnien ist, dass die Republika Srpska auf Gewalt, Ungerechtigkeit, furchtbaren ehtnischen Säuberungen, Massengräbern, auf Srebrenica und geplanten Massenvergewaltigungen von Frauen etc. gegründet wurde. Die Serben sind nicht bereit, für die wahre Geschichte des jüngsten Krieges, weil das sollte zu der logischen Folgerung führen, dass die Republika Srpska abgeschafft wird. Sie sind bereit, Karadzic nach Den Haag auszuliefern, aber sie wollen ihre ethnisch gesäuberte Srpska für sich selbst.
STANDARD: Was bedeutet die Verhaftung für die nächsten Schritte hin zu einem EU-Beitritt von Bosnien und von Serbien?
Izetbegovic: Das ist ein großer Schritt für Bosnien und noch ein zweimal größerer Schritt für Serbien in Richtung EU.
STANDARD: Was halten Sie von den jüngsten Entwicklungen in Serbien. Und werden sich nach der Verhaftung nun die Beziehungen zu Belgrad nun verbessern?
Izetbegovic: In den letzten paar Jahren ist der radikale Nationalismus in Serbien gestiegen, und das war sehr gefährlich für den ganzen Balkan. Bei der Unabhängigkeit des Kosovo war die Spitze dieser Radikalisierung. Aber es war eben die Spitze, und danach ist die Situation ruhiger geworden und moderater, und die europäische Strömung in der serbischen Politik hat sich schließlich durchgesetzt. Wir sind mit dieser Entwicklung glücklich, und wir sind sicher, dass sich unsere Beziehungen mit Belgrad in der Zukunft verbessern werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.7.2008)